Strafprozess gegen Ex-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und Ex-Staatssekretär Gerhard Schulz – Fakten, Verfahren und mögliche Konsequenzen
Im September 2026 beginnt vor dem Landgericht Berlin I die Hauptverhandlung gegen den ehemaligen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und den ehemaligen Staatssekretär Gerhard Schulz. Die Staatsanwaltschaft wirft beiden vor, im Rahmen des Pkw-Maut-Untersuchungsausschusses des Bundestages eine uneidliche Falschaussage nach § 153 i. V. m. § 162 Abs. 2 StGB gemacht zu haben. Der Prozess ist historisch, weil er zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte einen ehemaligen Bundesminister vor einem Strafgericht wegen möglicher Lügen über gravierende finanzielle Risiken eines gescheiterten Großprojekts stellt.
Hintergrund des Pkw-Maut-Debakels
Ende 2018 schloss das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit dem Konsortium Autoticket – bestehend aus CTS Eventim und Kapsch TrafficCom – Betreiberverträge für die Erhebung und Kontrolle einer Pkw-Maut. Die wichtigsten Kennzahlen:
- Vertragsvolumen: rund 2 Milliarden Euro für eine Laufzeit von zwölf Jahren (2018)
- Ursprüngliche Schadensersatzforderung der Betreiber nach dem EuGH-Urteil: 560 Millionen Euro (2019)
- Vergleichszahlung des Bundes nach Schiedsverfahren: 243 Millionen Euro (Juli 2023)
Der Europäische Gerichtshof stoppte die Maut im Juni 2019, weil sie gegen das Unionsrecht verstieß. Der Bund kündigte die Verträge fristlos und musste später die Schadenssumme von 243 Millionen Euro an die Betreiber zahlen.
Vorwurf der uneidlichen Falschaussage
Im Mittelpunkt der Anklage steht eine Aussage von Andreas Scheuer im Bundestag am 1. Oktober 2020. Scheuer behauptete dort, es habe nach seiner Erinnerung kein Angebot der Betreiber zur Verschiebung des Vertragsschlusses am 29. November 2018 gegeben. Die Staatsanwaltschaft stützt den Vorwurf auf übereinstimmende Aussagen von zwei Managern – Klaus-Peter Schulenberg und Georg Kapsch – sowie weiterer Zeugen aus dem Ministerium und dem Unternehmen. Diese bezeugen, dass ein solches Angebot tatsächlich gemacht wurde.
Gericht muss klären, woran Scheuer sich tatsächlich erinnerte
Das Gericht muss feststellen, ob Scheuer zum Zeitpunkt seiner Aussage im Oktober 2020 die Erinnerung an das Verschiebungsangebot tatsächlich nicht abrufen konnte oder ob er bewusst eine falsche Erinnerung präsentiert hat. Die Beweisführung erfordert, dass die innere Tatsache – das subjektive Erinnerungsvermögen – zweifelsfrei nachgewiesen wird.
Verfahrensrahmen und Zeitplan
Die Verhandlung findet vor der 38. Großen Strafkammer (Wirtschaftsstrafkammer) des Landgerichts Berlin I im Saal 500 des Kriminalgerichts Moabit statt. Der Gerichtsterminplan sieht vor:
- Angesetzte Hauptverhandlungstage: 12 (Jahr 2026)
- Vorläufiges Urteilstermin: 25. November 2026
Ein Urteil ist demnach für Ende November 2026 zu erwarten, sofern die Verhandlung planmäßig verläuft.
Mögliche strafrechtliche Konsequenzen
- Strafrahmen für uneidliche Falschaussage (§ 153 StGB i. V. m. § 162 Abs. 2 StGB): Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren.
- Geldstrafe ist nicht vorgesehen; Bewährung bis zu zwei Jahren ist möglich.
Ein Strafurteil hat jedoch keine direkte zivilrechtliche Regresswirkung. Das Bundesministergesetz sieht keinen Anspruch auf Rückzahlung der 243 Millionen Euro durch den Minister, und das Verkehrsministerium hat 2023 bereits auf Schadenersatzklagen verzichtet.
Gegenargumente und Risiken für die Anklage
Die Anklage steht vor zwei wesentlichen Hürden:
- Schwierige Beweisbarkeit einer inneren Tatsache: Das bloße Vorhandensein von Manageraussagen beweist nicht, dass Scheuer die Information zum Zeitpunkt der Vernehmung noch abrufbar im Gedächtnis hatte. Für eine Verurteilung muss das Gericht zweifelsfrei nachweisen, dass Scheuer bewusst gelogen hat (In-dubio-pro-reo-Grundsatz).
- Keine zivilrechtliche Regresswirkung: Selbst bei einer Verurteilung bleibt die finanzielle Haftung gegenüber dem Steuerzahler für die 243 Millionen Euro fraglich, weil das Bundesministergesetz keinen Regressanspruch vorsieht.
Zusammenfassung der wichtigsten Fakten
| Aspekt | Detail |
|---|---|
| Verteidigung | Erinnerungslücken als Strategie, Hinweis auf fehlende bewusste Täuschungsabsicht. |
| Vertragsvolumen | ca. 2 Mrd. € (12-Jahres-Vertrag 2018) |
| Ursprüngliche Forderung | 560 Mio. € (Schiedsverfahren 2019) |
| Schadenszahlung nach Vergleich | 243 Mio. € (2023) |
| Verhandlungsdauer | 12 Tage (2026) |
| Geplantes Urteil | 25. Nov 2026 |
| Strafrahmen | 3 Monate bis 5 Jahre Freiheitsstrafe |
Fazit
Der Strafprozess gegen Andreas Scheuer und Gerhard Schulz ist nicht nur wegen der potenziellen Freiheitsstrafe bedeutsam, sondern vor allem, weil er die Frage aufwirft, inwieweit ein ehemaliger Bundesminister für seine Erinnerungsdarstellung vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss strafrechtlich belangt werden kann. Die Verhandlung wird zeigen, ob die Staatsanwaltschaft die subjektive Erinnerung des Ministers überzeugend als bewusste Lüge nachweisen kann. Unabhängig vom strafrechtlichen Ergebnis bleibt die finanzielle Belastung des Bundes von 243 Millionen Euro bestehen, da das Bundesministergesetz keinen zivilrechtlichen Regress vorsieht.
Quellen
- https://www.deutschlandfunk.de/ex-bundesverkehrsminister-scheuer-wegen-aussagen-zur-pkw-maut-vor-dem-landgericht-102.html
- https://www.tagesspiegel.de/berlin/falschaussage-im-millionendesaster-um-pkw-maut-prozess-gegen-ex-verkehrsminister-scheuer-startet-15866286.html
- https://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/wirtschaft/detailansicht-wirtschaft/artikel/bund-muss-243-millionen-euro-schadenersatz-fuer-pkw-maut-zahlen.html
- https://www.berlin.de/generalstaatsanwaltschaft/presse/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.1593922.php

Hintergrund zur Pkw-Maut und rechtliche Konsequenzen
Im Jahr 2026 hat das Landgericht Berlin die Anklage gegen den ehemaligen Verkehrsminister Andreas Scheuer wegen des Verdachts der Falschaussage im Zusammenhang mit der gescheiterten Pkw-Maut zugelassen. Dieser Vorgang wirft nicht nur juristische Fragen auf, sondern stellt auch das Vertrauen in die politische Integrität und Transparenz des deutschen Staates auf die Probe. Der folgende Artikel beleuchtet die Hintergründe der Pkw-Maut, die rechtlichen Konsequenzen der Falschaussagen und die möglichen Auswirkungen auf das politische System.
Die gescheiterte Pkw-Maut – ein kurzer Überblick
Die Pkw-Maut wurde 2019 in Deutschland eingestellt, nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) sie als diskriminierend für ausländische Autofahrer eingestuft hatte. Die Aufhebung der Maut führte zu erheblichen Einsparungen für den Staat. Laut einer Statistik von Statista beliefen sich die Kosten, die bereits für die Vorbereitung der Maut aufgewendet wurden, auf bis zu 650 Millionen Euro im Jahr 2019.
Finanzielle Dimension der Maut
- Investitionsvolumen: 650 Millionen Euro (2019)
- Jahr der Aufhebung: 2019
- Grund für Aufhebung: Diskriminierungsklage des EuGH
Falschaussagen im Untersuchungsausschuss – der Kern der Anklage
Im Oktober 2020 sagte Andreas Scheuer im Untersuchungsausschuss des Bundestags über ein Angebot der designierten Mautbetreiber aus, den Vertragsabschluss zu verschieben, bis der EuGH über die Klage Österreichs gegen die Maut entschieden habe. Staatsanwaltschaft wirft Scheuer und dem ehemaligen Staatssekretär Gerhard Schulz vor, im Ausschuss die Unwahrheit gesagt zu haben. Sie sollen behauptet haben, sich nicht an ein solches Verschiebungsangebot erinnern zu können, obwohl sie es tatsächlich getan hatten.
Wesentliche Vorwürfe der Staatsanwaltschaft
- Falschaussage im Bundestags-Untersuchungsausschuss (Oktober 2020)
- Verschweigen eines Angebots zur Vertragsverschiebung
- Mitwirkung von Gerhard Schulz
Der juristische Prozess gegen Andreas Scheuer
Das Verfahren gegen Andreas Scheuer ist das erste strafrechtliche Verfahren gegen einen ehemaligen Minister in dieser Angelegenheit. Im Jahr 2026 wurde das Verfahren eröffnet (Verfahren gegen Andreas Scheuer: 1). Zusätzlich stehen drei Personen (Klägerzahl im Maut-Skandal: 3) als Kläger im Verfahren gegenüber.
Verfahrensstand und Bedeutung
- Erste strafrechtliche Schritte gegen einen ehemaligen Minister (2026)
- Landgericht Berlin I hat die Anklage zugelassen
- Potenzielle Konsequenzen: Verurteilung, die das politische Bild von Scheuer nachhaltig verändern könnte
Politische und gesellschaftliche Implikationen
Die Anklage gegen Scheuer ist nicht nur ein Einzelfall. Experten warnen, dass ein Scheitern im Prozess das Vertrauen der Öffentlichkeit in politische Institutionen gefährden könnte. Die Kritik an politischer Verantwortung betont, dass die Verschiebung von Verantwortlichkeit und mögliche Straflosigkeit das Vertrauen der Bevölkerung in das politische System untergraben können.
Mögliche Folgen für das politische System
- Vertrauensverlust in politische Führungskräfte
- Erhöhte Forderung nach Transparenz und Verantwortlichkeit
- Potenzielle Druckausübung auf andere Politiker und Ministerien, künftig offener zu agieren
Ausblick: Wie könnte sich die Rechtsprechung weiterentwickeln?
Der Fall könnte als Präzedenzfall für zukünftige Verfahren gegen Politiker dienen, die falsche Angaben im Parlament machen. Das öffentliche Interesse an der Aufklärung von Falschaussagen könnte steigen, wodurch die Wahrscheinlichkeit ähnlicher Klageverfahren in der Zukunft erhöht wird. Darüber hinaus könnten weitere gesetzliche Regelungen zur Stärkung der parlamentarischen Wahrheitsverpflichtung diskutiert werden.
Fazit
Die Anklage gegen Andreas Scheuer im Maut-Skandal verdeutlicht, wie eng finanzielle Entscheidungen, rechtliche Prüfungen und politische Verantwortung miteinander verknüpft sind. Die Aufhebung der Pkw-Maut nach dem EuGH-Urteil und die damit verbundenen Einsparungen von 650 Millionen Euro zeigen die wirtschaftliche Dimension des Scheiterns. Gleichzeitig stellt die mögliche Verurteilung eines ehemaligen Ministers ein Signal für die Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit und Transparenz dar. Die weitere Entwicklung des Verfahrens wird Aufschluss darüber geben, inwieweit das deutsche Rechtssystem politische Falschaussagen konsequent ahnden kann und welches Vertrauen die Öffentlichkeit in die Integrität ihrer politischen Vertreter behält.


