Der Bundesgerichtshof (BGH) hat am 16. September 2026 die Verhandlung von vier exemplarischen Verfahren zur Beschaffung von FFP2-Masken im Rahmen des Open-House-Verfahrens von 2020 angekündigt, berichtet vorab. Der zuständige VIII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs verhandelt am 16. September 2026 vier ausgewählte Pilotverfahren (Az. VIII ZR 131/24, VIII ZR 152/24, VIII ZR 36/25 und VIII ZR 313/25). Im Kern geht es um die kauf- und AGB-rechtliche Wirksamkeit der vom Ministerium gestellten Rahmenverträge: Das OLG Köln hatte geurteilt, dass der Bund das Vorliegen eines absoluten Fixgeschäfts nicht wirksam per Formularvertrag vorgeben durfte und die Lösung vom Vertrag ohne vorherige Nachfristsetzung unzulässig war. Zudem geriet die Bundesrepublik in Annahmeverzug, nachdem sie die Flut an Lieferungen logistisch nicht bewältigen konnte und einseitig spätere Lieferslots zuwies (BGH, PM Nr. 082/2026). Für das Bundesministerium für Gesundheit steht bei den Karlsruher Verhandlungen nicht nur die juristische Methodik im Fokus, sondern auch ein enormes Haushaltsrisiko. Neben dem anhängigen Hauptsachestreitwert von rund 2,3 Milliarden Euro belasten aufgelaufene Verzugszinsen seit Frühjahr 2020 die Staatskasse. In grenzüberschreitenden Lieferkonstellationen verschärft zudem das UN-Kaufrecht (CISG) die Lage des Bundes, da verspätete Rücktrittserklärungen die Zahlungsansprüche der Händler unberührt ließen (OLG Köln, Urt. v. 19.07.2024 – 6 U 101/23).
Höhepunkt des Verfahrens: Das Open-House-Verfahren 2020
Im Frühjahr 2020 beschloss das Bundesgesundheitsministerium, im Rahmen eines Open-House-Verfahrens, jedem teilnehmenden Unternehmen den Abschluss eines Kaufvertrags über FFP2-Masken zu einem festen Preis von 4,50 Euro pro Stück zu garantieren. Die Besonderheit bestand darin, dass keine Mengenbegrenzung festgelegt wurde. Diese „unbegrenzte“ Fixgeschäftsklausel führte zu einem unkontrollierbaren Vertragsvolumen, das logistisch nicht mehr zu bewältigen war. Viele Lieferanten konnten die zugesagten Liefertermine nicht einhalten, was zu Rücktritten des Bundes und zu zahlreichen Rechtsstreitigkeiten führte.
Verfahrensstand vor dem BGH – Leitverfahren und Aktenzeichen
Der BGH wird vier Leitverfahren gemeinsam mündlich verhandeln:
- Az. VIII ZR 131/24
- Az. VIII ZR 152/24
- Az. VIII ZR 36/25
- Az. VIII ZR 313/25
In allen Fälle geht es um die Frage, ob die vom Bundesministerium vorgegebenen Fixgeschäftsklauseln wirksam sind und ob Rücktritte ohne vorherige Nachfristsetzung zulässig waren. Das Oberlandesgericht Köln hatte bereits in den meisten Fällen die Rücktritte des Bundes als unwirksam eingestuft, weil eine Nachfristsetzung nach § 307 BGB erforderlich gewesen wäre. Zusätzlich stehen rund 90 bis 100 Parallelverfahren mit einem Gesamtstreitwert von mindestens 2,3 Milliarden Euro noch aus.
Zentrale juristische Streitpunkte
AGB-Kontrolle von Fixgeschäftsklauseln
Das OLG Köln entschied, dass die Vereinbarung eines absoluten oder relativen Fixgeschäfts in vorformulierten Vertragsmustern des Bundes eine unangemessene Benachteiligung nach § 307 BGB darstellt. Die Klauseln sahen einen festen Preis ohne Mengenbegrenzung vor, wodurch die Vertragspartner des Bundes in eine nachteilige Position gedrängt wurden. Der BGH prüft nun, ob diese Beurteilung mit den allgemeinen Grundsätzen des AGB-Rechts vereinbar ist.
Annahmeverzug des Bundes
Durch die massive Menge an zugesagten Lieferungen, die das Bundesministerium logistisch nicht bewältigen konnte, geriet der Bund in Annahmeverzug nach § 293 BGB. Die einseitige Zuteilung späterer Lieferslots wurde als unzureichende Erfüllungsmaßnahme bewertet. Der BGH wird entscheiden, ob der Bund dadurch seine vertraglichen Pflichten verletzt hat und welche Schadensersatzansprüche sich daraus ergeben.
Anwendung des UN-Kaufrechts (CISG)
In Lieferungen von Unternehmen mit Sitz im Ausland (z. B. Tschechien, China) kommt das UN-Kaufrecht zur Anwendung. Art. 49 CISG regelt die Fristen für die Rüge von Mängeln und die Aufhebung von Verträgen. Das OLG Köln stellte fest, dass der Bund bei internationalen Lieferungen die im CISG vorgesehenen Fristen nicht eingehalten hat, was die Zahlungsansprüche der ausländischen Händler stärkt.
Finanzielle Dimension und haushaltsrechtliche Risiken
Das Kernvolumen der streitigen Beschaffungen liegt bei rund 2,3 Milliarden Euro. Zusätzlich belasten hohe Verzugszinsen seit dem Frühjahr 2020 den Bundeshaushalt. In einem einzelnen OLG-Köln-Verfahren (Az. 8 U 123/25) wurde eine Klageforderung von 220 Millionen Euro zuzüglich geschätzter Zinsen von über 100 Millionen Euro zugerkannt. Ein weiteres Urteil des OLG Köln (6 U 101/23) verurteilte den Bund zu einer Zahlung von 85,6 Millionen Euro. Diese Zahlen verdeutlichen das enorme haushalterische Risiko, das weit über die reinen Nominalstreitwerte hinausgeht.
Die Zinseszinseffekte können die ursprünglichen Forderungen in Einzelfällen um dreistellige Millionenbeträge erhöhen. Da die meisten Verfahren noch nicht abschließend entschieden sind, besteht die Gefahr einer weiteren Eskalation des Gesamtstreitwerts.
Risiken und Gegenargumente
- Keine automatische Vorentscheidung für alle 90-100 Verfahren: Die vier Musterverfahren klären Grundsatzfragen, jedoch hängen viele Einzelklagen von konkreten Rügen, Gutachten zu Qualitätsmängeln und individuellen Lieferzeitpunkten ab.
- Rolle des öffentlichen Preisrechts (PreisV 30/53): Der Bund beruft sich teilweise hilfsweise auf das Preisrecht, um überhöhte Festpreise auf Selbstkostenpreise zu begrenzen. Dieses Argument ist gerichtlich noch umstritten und könnte die endgültige Bewertung der Fixgeschäftsklauseln beeinflussen.
Fazit
Die anstehenden Verhandlungen des VIII. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs markieren einen entscheidenden Wendepunkt für die juristische Bewertung von Notbeschaffungen in Pandemie-situationen. Die Kernfragen – Wirksamkeit von Fixgeschäftsklauseln, Annahmeverzug des Bundes und Anwendung des UN-Kaufrechts – haben nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf die betroffenen Lieferanten, sondern bestimmen auch, ob der Bundeshaushalt mit Milliarden-Verbindlichkeiten und erheblichen Zinslasten belastet wird. Die noch offenen 90-100 Verfahren zeigen, dass das endgültige finanzielle Risiko noch nicht absehbar ist. Die Entscheidung des BGH wird damit nicht nur Rechtsgrundlagen für zukünftige Notbeschaffungen setzen, sondern auch das finanzielle Handlungsfeld des Bundes in Krisenzeiten nachhaltig prägen.



