Die deutsche Justiz steht vor einer akuten Personalkrise. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig und der Deutsche Richterbund fordern gemeinsam 2.000 zusätzliche Stellen für Richterinnen, Richter und Staatsanwältinnen, Staatsanwälte. Aktuelle Zahlen zeigen, dass bundesweit rund 1.000 Staatsanwälte fehlen und dass die Zahl offener Strafverfahren in den letzten vier Jahren um fast 43 % von 700.000 auf 1.000.000 gestiegen ist. Diese Fakten verdeutlichen, warum die Effizienz und Verfügbarkeit des Justizsystems für den Schutz der Rechtsstaatlichkeit und die Wahrnehmung der Bürgerrechte von zentraler Bedeutung ist.
Fehlende Staatsanwälte – aktuelle Zahlen
Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes fehlen in Deutschland im Jahr 2026 etwa 1.000 Stellen für Staatsanwältinnen und Staatsanwälte. Der Wert basiert auf Berechnungen der Deckungsraten in den einzelnen Bundesländern.
- Metric: Fehlende Staatsanwälte
- Value: 1.000 Stück
- Year: 2026
- Source: Statistisches Bundesamt (S1)
Anstieg der offenen Strafverfahren
Die Belastung der Staatsanwaltschaften wird zusätzlich durch einen starken Anstieg der offenen Strafverfahren befeuert. Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2020 noch 700.000 Verfahren offen, während es 2024 bereits 1.000.000 waren – ein Wachstum von 42,86 % in nur vier Jahren.
- Metric: Offene Strafverfahren 2020 – Value: 700.000 Fälle – Year: 2020
- Metric: Offene Strafverfahren 2024 – Value: 1.000.000 Fälle – Year: 2024 – Growth: 42,86 %
- Source: Statistisches Bundesamt (S2)
Folgen der Überlastung – Verfahren werden eingestellt
Die Kombination aus Personalmangel und steigender Fallzahl führt dazu, dass Staatsanwältinnen und Staatsanwälte nicht mehr alle Ermittlungen zeitnah abschließen können. In der Praxis bedeutet das, dass Fälle aus Zeitgründen eingestellt werden. Der Deutsche Richterbund warnt ausdrücklich, dass diese Praxis das Risiko birgt, dass Straftaten nicht konsequent verfolgt werden und damit das Vertrauen der Bevölkerung in die Justiz erschüttert wird.
- Hohe Belastung führt zu Einstellung von Verfahren aus Zeitgründen.
- Gefahr von Rechtsunsicherheit und Vertrauensverlust.
Politische Forderungen und Reformbedarf
Um die akute Situation zu entschärfen, fordern Bundesjustizministerin Hubig und der Richterbund 2.000 neue Stellen für Richterinnen, Richter und Staatsanwältinnen, Staatsanwälte. Die Forderung berücksichtigt nicht nur das aktuelle Defizit von etwa 1.000 fehlenden Staatsanwälten, sondern auch zukünftige Herausforderungen wie die Pensionierungswelle, die zunehmende Komplexität digitaler Kriminalität und die steigende Zahl von Verfahren.
- Forderung: 2.000 neue Stellen (Richter + Staatsanwälte).
- Begründung: Aktueller Mangel von 1.000 Staatsanwälten, steigende Verfahrenszahlen, zukünftige Belastungen.
- Ausblick: Notwendigkeit einer strukturellen Reform der Justiz.
Messmethoden und Forschungslücken
Zur Bewertung der Justizbelastung wird das System Pebbsy (auch Pebb§y genannt) eingesetzt. Es berechnet den durchschnittlichen Zeitbedarf pro Verfahrensart – beispielsweise 95 Minuten für eine allgemeine Strafsache wie Diebstahl oder Betrug und 239 Minuten für einen Verkehrsunfall vor dem Amtsgericht. Die ermittelten Gesamtzeiten werden mit den verfügbaren Personalressourcen verglichen, um den Deckungsgrad zu bestimmen.
Allerdings gibt es kritische Stimmen, die auf unzureichende Forschung zur Justizbelastung hinweisen. Die aktuelle Pebbsy-Berechnung basiert auf Standardwerten aus dem Jahr 2014 und berücksichtigt nicht die angesammelten Aktenberge aus der Vergangenheit oder neue Phänomene wie Diesel-Masseverfahren. Rechtsprofessorin Anne Sanders fordert eine zentrale Forschungsstelle, die Justizdaten umfassend auswertet und regelmäßig aktualisiert.
- Messsystem: Pebbsy – systematisiert Aufgaben und definiert durchschnittliche Bearbeitungszeiten.
- Probleme: veraltete Standardwerte (2014), keine Berücksichtigung von Rückständen, uneinheitliche Erhebungszeitpunkte.
- Forschungslücke: Fehlende empirische Datenbasis für fundierte Entscheidungen.
Auswirkungen auf die Rechtsstaatlichkeit
Eine überlastete Justiz gefährdet die Grundprinzipien des Rechtsstaats. Wenn Verfahren aus Zeitgründen eingestellt werden, besteht das Risiko, dass Straftaten nicht angemessen verfolgt werden und Grundrechte der Betroffenen ungeschützt bleiben. Zudem kann die lange Verfahrensdauer zu einer unverhältnismäßigen Belastung für Beschuldigte und Opfer führen.
- Vertrauensverlust in die Justiz.
- Gefahr von Rechtsunsicherheit und Ungleichbehandlung.
- Erhöhte Belastung für Betroffene durch lange Verfahren.
Handlungsempfehlungen für die Zukunft
Auf Basis der vorliegenden Daten lassen sich mehrere Ansatzpunkte ableiten:
- Umsetzung der geforderten 2.000 Stellen, um das aktuelle Defizit zu schließen und zukünftige Belastungen zu absorbieren.
- Modernisierung des Pebbsy-Systems mit aktuellen Zeitwerten und Einbeziehung von Rückständen.
- Einrichtung einer bundesweiten Forschungsstelle für Justizdaten, wie von Prof. Sanders vorgeschlagen.
- Entwicklung von Kurzzeit-Aushilfsprogrammen und Unterstützungszuschüssen für stark belastete Staatsanwaltschaften.
- Stärkung der Digitalisierung von Akten und Ermittlungsverfahren, um die Bearbeitung zu beschleunigen.
Fazit
Der Personalmangel an Staatsanwältinnen und Staatsanwälten ist kein kurzfristiges Problem, sondern ein strukturelles Defizit, das durch den stark steigenden Fallbestand verschärft wird. Die Zahlen von 1.000 fehlenden Staatsanwälten (2026) und einer Million offener Strafverfahren (2024) belegen die Dringlichkeit. Die Forderung nach 2.000 zusätzlichen Stellen ist angesichts des aktuellen und zukünftigen Belastungsniveaus gerechtfertigt. Gleichzeitig muss die Messmethodik verbessert und die Forschungslücke geschlossen werden, um fundierte Entscheidungen für eine nachhaltige Reform der deutschen Justiz zu ermöglichen.


