Am 4. März 2026 stellte die Europäische Kommission den Industrial Accelerator Act (IAA) vor – einen Gesetzentwurf, der öffentliche Aufträge an europäische Herkunftsvorgaben knüpfen und große ausländische Direktinvestitionen stärker regulieren will. Ziel ist, die Fertigungsindustrie der EU zu stärken, Abhängigkeiten zu reduzieren und bis 2035 den Fertigungsanteil am EU-BIP auf 20 % zu erhöhen. Der IAA definiert verbindliche „Made in Europe“-Quoten für zentrale Sektoren und schafft einen digitalen One-Stop-Shop für Genehmigungen, um Projektverzögerungen zu minimieren.
Ziele des Industrial Accelerator Act und strategische Sektoren
Der IAA verfolgt ein langfristiges Industrie- und Klimaziel: Der Fertigungsanteil am EU-BIP soll von aktuell rückläufigen Zahlen auf 20 % im Jahr 2035 steigen. Dafür fokussiert die Verordnung strategische, energieintensive Branchen, die für die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Souveränität Europas besonders wichtig sind.
- Stahl
- Zement
- Aluminium
- Automobilindustrie
- Net-Zero-Technologien (Batterien, Wärmepumpen, Photovoltaik, Grundstoffe)
Durch gezielte „Made in EU“- bzw. Low-Carbon-Anforderungen bei öffentlichen Beschaffungen soll die Produktion in diesen Bereichen ausgeweitet und ein europäischer Lead-Market geschaffen werden.
Verbindliche „Made in Europe“-Quoten für öffentliche Aufträge
Der IAA legt für fünf Kernbereiche verbindliche Quoten fest, die öffentliche Auftraggeber einhalten müssen. Die Quoten gelten ab dem Zeitpunkt, an dem das Gesetz in Kraft tritt, und werden schrittweise erhöht.
- Fahrzeuge: Sechs Monate nach Inkrafttreten müssen 70 % der Fahrzeugkomponenten aus der EU stammen. Autos müssen in der EU montiert werden.
- Batterien: Mindestens drei europäische Bestandteile, darunter die Zellen, sind sofort gefordert. Nach drei Jahren muss die Batterie fünf Komponenten aus der EU enthalten, um als „Made in Europe“ zu gelten.
- Wärmepumpen: Öffentliche Aufträge sollen bevorzugt Produkte aus europäischer Fertigung erhalten – konkrete Prozentzahlen werden im Detailplan ergänzt.
- Photovoltaik: Ähnliche Herkunftsvorgaben wie bei Wärmepumpen gelten, um die lokale Wertschöpfung zu stärken.
- Grundstoffe: Für strategische Rohstoffe werden EU-Quoten festgeschrieben, um Lieferketten zu sichern.
Ein wichtiges Ausnahmekriterium: Wenn europäische Produkte deutlich teurer sind als vergleichbare Importware, entfällt die Pflicht zur Bevorzugung. Außerdem können japanische, koreanische, kanadische und britische Elektro-Autos bzw. Autoteile mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, sofern ein gegenseitiger Handelsvorteil („Reciprocity“) besteht.
Neue Genehmigungspflicht für ausländische Direktinvestitionen
Der IAA führt eine klare Schwelle für ausländische Direktinvestitionen (FDI) in den genannten strategischen Sektoren ein. Investitionen über 100 Mio. € aus Drittstaaten, die mehr als 40 % der globalen Kapazität des jeweiligen Marktes kontrollieren, unterliegen einer Genehmigungspflicht.
Qualifizierte Investitionen müssen folgende Bedingungen erfüllen:
- Mindestens 50 % der Beschäftigten müssen EU-Bürger sein.
- Nachweis von Technologietransfer und lokaler Wertschöpfung.
- Erfüllung von Umwelt- und Sicherheitsstandards.
Damit soll wirtschaftliche Sicherheit gewährleistet werden, ohne ausländische Investitionen grundsätzlich zu blockieren.
Umsetzungshilfen: Digitaler One-Stop-Shop und Industrial Accelerator Areas
Um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, sieht der IAA einen digitalen One-Stop-Shop vor. Antragsteller erhalten Fristen und stillschweigende Genehmigungen, wenn keine Gegenreaktion erfolgt. Zusätzlich werden „Industrial Accelerator Areas“ eingerichtet, die Clusterbildung und industrielle Symbiose fördern – ein Ansatz, der auf dem Draghi-Bericht und dem Clean Industrial Deal aufbaut.
Kritische Stimmen und mögliche Risiken
Der Gesetzentwurf stößt auf gemischte Reaktionen. Vertreter der Wirtschaft und Gewerkschaften warnen vor möglichen Nachteilen:
- Kritik an Protektionismus: Hendrik Kafsack (FAZ) sieht im Entwurf ein Signal zum Abschied vom freien Handel, das Preise verteuern und Innovation schwächen könnte.
- Bürokratische Belastungen: Eric Bonse (taz) bezeichnet das Gesetz als verwässertes „Maybe European“ mit vielen Ausnahmen und Quoten, das zu einem Flickenteppich aus Regelungen führt.
- Risiko der Verdünnung: Olga Scheer (HBL) betont, dass das Ergebnis unter politischem Druck von einem klaren industriepolitischen Instrument zu einem inkonsistenten Kompromiss geworden ist.
- Ambitionslücke: Hydrogen Europe kritisiert, dass der IAA nicht ausreichend ambitioniert sei, insbesondere für Wasserstoff und andere Clean-Tech-Sektoren.
Gleichzeitig gibt es Bedenken, dass die endgültige Ausgestaltung vom Co-Decision-Prozess abhängt und der endgültige Scope verwässert werden könnte.
Ausblick: Wie der IAA die europäische Industrie stärken könnte
Wenn die geplanten Quoten und Investitionsbedingungen umgesetzt werden, könnten mehrere positive Effekte eintreten:
- Erhöhung der lokalen Wertschöpfung in Schlüsselindustrien.
- Schaffung von Arbeitsplätzen mit einem Mindestanteil von 50 % EU-Beschäftigung bei großen FDI.
- Reduzierung der Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferketten, insbesondere für Batterien und Grundstoffe.
- Förderung von Technologie-Transfer und Innovation durch verpflichtende FDI-Bedingungen.
- Entwicklung von industriellen Clustern in den „Industrial Accelerator Areas“, die Synergien und Skaleneffekte ermöglichen.
Der IAA stellt damit einen umfassenden Rahmen dar, der sowohl wirtschaftliche als auch sicherheitspolitische Ziele der EU adressiert. Die endgültige Wirksamkeit wird jedoch stark von der konkreten Ausgestaltung, der Akzeptanz durch Unternehmen und der Umsetzung der genannten Maßnahmen abhängen.
Fazit
Der Industrial Accelerator Act ist ein ambitionierter Versuch, die europäische Fertigungsindustrie bis 2035 zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig zu machen. Durch verbindliche „Made in Europe“-Quoten, klare FDI-Regeln und digitale Genehmigungsprozesse soll die Produktion in strategischen Sektoren gestärkt, die Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferketten reduziert und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Gleichzeitig werfen Kritiker Fragen nach Bürokratie, Preissteigerungen und möglicher Verwässerung des Gesetzes auf. Die kommenden Monate im Co-Decision-Prozess werden entscheidend dafür sein, ob der IAA seine Ziele erreicht oder an politischen und praktischen Hürden scheitert.
Quellen
- https://employment-social-affairs.ec.europa.eu/news/commission-proposes-industrial-accelerator-act-strengthen-industry-and-create-jobs-europe-2026-03-04_en
- https://www.renewablematter.eu/en/industrial-accelerator-act-eu-commission-launches-made-in-europe-plan
- https://single-market-economy.ec.europa.eu/publications/industrial-accelerator-act_en
- https://hydrogeneurope.eu/industrial-accelerator-act-is-a-step-forward-but-lacks-ambition/


