Am 20. Februar 2026 hat Polens Präsident Karol Nawrocki per Veto ein Gesetz der Regierung Donald Tusk gestoppt, das die Unabhängigkeit des Landesjustizrats (KRS) wiederherstellen sollte. Nawrocki begründete das Veto in einer veröffentlichten Videobotschaft als verfassungswidrig und als Gefahr für die Richterschaft. Das Veto blockiert zentrale Reformen zur Stärkung des Rechtsstaats, vertieft den Konflikt zwischen Präsident und Regierung und gefährdet EU-Förderungen sowie Polens Stellung in der Europäischen Union.
Veto von Präsident Karol Nawrocki – rechtlicher Rahmen und erforderliche Mehrheit
Nach der polnischen Verfassung kann ein Präsidenten-Veto nur von einer Drei-Fünftel-Mehrheit im Sejm überstimmt werden. Das entspricht einem Stimmenanteil von mehr als 60 %:
- Veto-Überstimmungsmehrheit: > 60 % der Stimmen im Sejm (2026)
- Die Mitte-Links-Koalition von Ministerpräsident Donald Tusk erreicht diese Mehrheit nicht.
Damit ist das Veto von Nawrocki de-facto wirksam, weil die erforderliche Drei-Fünftel-Mehrheit fehlt.
Hintergrund: Die PiS-Reform von 2018 und die Unabhängigkeit des KRS
Die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) regierte Polen von 2015 bis 2023. 2018 führte sie eine Reform des KRS ein, die die Zusammensetzung des Gremiums grundlegend veränderte:
- Gesamtzahl der KRS-Mitglieder: 25
- Durch das Parlament ernannt: 15 von 25 Mitgliedern (2018)
Vor der Reform wurden die meisten Mitglieder vom Kollegium der Richter gewählt. Die EU -Gerichte – Europäischer Gerichtshof (EuGH) und Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) – kritisierten die Reform mehrfach und stellten die Unabhängigkeit des KRS sowie des Verfassungsgerichts infrage. Die Urteile führten zu EU-Sanktionen und zum Einfrieren von Milliarden an Fördermitteln.
Nawrockis Antrittsrede und die Forderung nach einer neuen Verfassung
Karol Nawrocki, parteilos, aber von der PiS unterstützt, trat im August 2025 sein Amt an. In seiner Antrittsrede kritisierte er die Justiz scharf und stellte folgende Forderungen:
- Ein neues Verfassungsdokument bis 2030, das aus einer breiten nationalen Diskussion hervorgehen soll.
- Die Rücknahme der von Tusk geplanten Reformen, die nach seiner Sicht die Richterschaft spalten würden.
Er argumentierte, das umstrittene Gesetz diene dazu, „unliebsame Richter auszuschließen“ und übertrage die Rechtsprechung in die Hände einer politischen Interessengruppe.
Auswirkungen auf EU-Förderungen und Rechtsstaatlichkeit
Die anhaltenden Konflikte um die Unabhängigkeit des KRS und des Verfassungsgerichts haben bereits zu mehreren EuGH-Urteilen geführt, die Polen wegen fehlender richterlicher Unabhängigkeit verurteilten. Die Konsequenzen sind:
- Einfrieren von EU-Fördergeldern in Milliardenhöhe.
- Erhöhte politische Spannung zwischen Brüssel und Warschau.
- Gefahr einer weiteren Verschlechterung des Rechtsstaatsimages Polens.
Durch das Veto wird das zentrale Vorhaben der Tusk-Regierung, die Justizreformen der PiS rückgängig zu machen, stark behindert.
Regierungstaktik: Plan B und mögliche Folgen
Ministerpräsident Tusk hat trotz des Vetos einen sogenannten „Plan B“ angekündigt, um die Reformen dennoch voranzubringen. Kritiker warnen jedoch, dass anhaltende Blockaden die Auszahlung von EU-Mitteln weiter verzögern könnten.
- Plan B soll alternative legislative Wege nutzen, um die Unabhängigkeit des KRS zu stärken.
- Die Blockade könnte zu weiteren EU-Sanktionen und zu einem noch tieferen Vertrauensverlust führen.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
- Wie viele Stimmen braucht es, um ein Präsidentenveto zu überstimmen? Mehr als 60 % der Stimmen im Sejm sind erforderlich.
- Wann trat Nawrocki sein Amt an? Karol Nawrocki wurde im August 2025 Präsident und kündigte sofort einen Konfrontationskurs an.
- Welche EU-Folgen hatten die PiS-Reformen? Der EuGH und der EGMR kritisierten die KRS-Reform wegen fehlender Unabhängigkeit, was zu Strafen und Förderstopps führte.
Fazit
Das Veto von Präsident Karol Nawrocki stellt einen entscheidenden Einschnitt in die von Donald Tusk geplante Rückkehr zu einem unabhängigen Justizsystem dar. Die erforderliche Drei-Fünftel-Mehrheit im Sejm fehlt, sodass das Veto wirksam bleibt. Die Hintergründe – die PiS-Reform von 2018, die EuGH-Urteile und die anhaltenden Spannungen zwischen Exekutive, Legislative und EU – verdeutlichen, warum dieses Veto nicht nur eine nationale, sondern auch eine europäische Rechtsstaatskrise verschärft. Ohne eine klare Mehrheit im Parlament bleibt die Aussicht auf eine schnelle Lösung unsicher, während sowohl die polnische Bevölkerung als auch die EU mit wachsenden Unsicherheiten hinsichtlich Rechtsstaatlichkeit und Fördermitteln konfrontiert sind.
Quellen
- https://www.n-tv.de/politik/Polens-Praesident-stoppt-Reform-fuer-unabhaengige-Justiz-id30383712.html
- https://www.spiegel.de/ausland/polen-praesident-karol-nawrocki-stoppt-justizreform-von-donald-tusk-a-fcd22f86-f1d7-482a-9c26-c52c02520b0c
- https://www.deutschlandfunk.de/polnischer-praesident-nawrocki-stoppt-reform-fuer-unabhaengigkeit-der-justiz-100.html
- https://www.handelsblatt.com/politik/international/polen-praesident-nawrocki-stoppt-reform-fuer-unabhaengige-justiz/100201903.html


