Seit dem Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) im April 2024 untersucht das EKOKAN-Konsortium die Auswirkungen der Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland. Die ersten Zwischenergebnisse zeigen, dass der Schwarzmarkt durch Eigenanbau und den regulierten Vertrieb von Medizinalcannabis an Bedeutung verliert, während der Konsum von Cannabis bei Erwachsenen kaum ansteigt. Gleichzeitig stehen die Ergebnisse in der politischen Diskussion, insbesondere nach Kritik des Bundesinnenministers, im Fokus.
Hintergrund der Teillegalisierung und des EKOKAN-Konsortiums
- EKOKAN ist ein vom Bundesministerium für Gesundheit beauftragtes, unabhängiges wissenschaftliches Konsortium, das bis 2028 die Folgen des KCanG evaluiert.
- Der zweite Zwischenbericht, veröffentlicht nach einem Jahr Gesetzeswirkung, konzentriert sich auf organisierte Kriminalität und den Schwarzmarkt.
- Zu den Forschungspartnern gehören das Institut für Kriminologie der Universität Tübingen, das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und das Centre for Health and Society am Universitätsklinikum Düsseldorf.
- Mehr als 2.000 Mitarbeitende der Kriminalpolizei wurden befragt; über 20 Experteninterviews mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Zoll ergänzen die Datenbasis.
Ergebnisse zur Reduktion des Schwarzmarktes
Rückgang illegaler Anbauflächen
Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Normung (DIN) aus dem Jahr 2023 ist die Fläche illegaler Cannabisanbauflächen im Vergleich zum Vorjahr um 15 % gesunken. Dieser Rückgang wird auf den moderaten Anstieg von Eigenanbau und den vermehrten legalen Bezug von Medizinalcannabis zurückgeführt.
Erkenntnisse aus der Befragung von Polizeibeamtinnen und -beamten
Die Befragung von über 2.000 Polizisten ergab mehrere zentrale Punkte:
- Durch die Teillegalisierung wird es für Strafverfolger schwieriger, Akteure des Schwarzmarktes zur Rechenschaft zu ziehen.
- Bestimmte Befugnisse im Bereich verdeckter Ermittlungen wurden eingeschränkt, was mögliche Anpassungen strafprozessualer Maßnahmen erforderlich macht.
- Gleichzeitig wird der Schwarzmarkt durch den moderaten Eigenanbau und den legalen Apothekenverkauf von Medizinalcannabis zurückgedrängt.
Die Analyse umfasst aktuelle Daten von Polizei, Justiz und Zoll, einschließlich Informationen, die EKOKAN erst wenige Wochen vor Veröffentlichung des Berichts erhalten hat.
Konsumverhalten bleibt weitgehend stabil
Der Drogen- und Suchtbericht 2023 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHSS) zeigt, dass die Zahl der erwachsenen Cannabiskonsumenten im Vergleich zum Vorjahr lediglich um 2 % gestiegen ist. Dieser moderate Anstieg bestätigt die Annahme, dass die befürchtete deutliche Zunahme des Konsums bislang nicht eingetreten ist.
- Metric: Zunahme von Cannabis-Konsumenten
- Value: 2 %
- Jahr: 2023
Die Zahlen untermauern die Aussage von Prof. Dr. Jörg Kinzig, dass die Teillegalisierung bislang keinen signifikanten Einfluss auf das Konsumverhalten hat.
Kritik und Gegenargumente
Innenminister Hubertus Dobrindt (CSU) kritisierte die EKOKAN-Evaluation als verzerrt und bemängelte, dass Erkenntnisse von Sicherheitsbehörden nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Er warf dem Forschungsverbund ein methodisches Bias vor.
EKOKAN weist diese Vorwürfe zurück und betont, dass die Perspektive der Sicherheitsbehörden in der Studie umfassend einbezogen wurde. Die umfangreiche Befragung von Polizeibeamtinnen und -beamten sowie die Auswertung von Daten des Bundeskriminalamts, des Bundesfinanzministeriums, des Zolls und der Landespolizeien belegen die Einbindung sicherheitsrelevanter Informationen.
Dennoch bleibt die mögliche Verzerrung durch die Einschätzung von Sicherheitsbehörden ein diskutierter Aspekt, der zukünftige Analysen berücksichtigen sollten.
Zollstatistiken und internationaler Kontext
Im Jahr 2025 wurden rund 200 Tonnen Medizinalcannabis nach Deutschland importiert. Der deutsche Zoll meldete im selben Jahr einen Rekord bei den sichergestellten Mengen illegalen Cannabis – mehr als je zuvor. Diese Zahlen zeigen, dass der Schwarzmarkt trotz Rückgangs bei Anbauflächen nach wie vor aktiv ist.
Ähnliche Entwicklungen wurden in den Niederlanden, Belgien, Dänemark, England, Wales, Finnland, Island, Norwegen, Österreich und Spanien beobachtet. In vielen dieser Länder stammen die sichergestellten Mengen aus Großimporten aus den USA, Kanada und Thailand, also aus Staaten, die bereits (teil-)legalisiert haben.
Eine mögliche Erklärung ist, dass illegale Produzenten in den legalisierten Ländern ihr Angebot nicht mehr vollständig absetzen können und daher versuchen, den europäischen Markt zu bedienen. Die direkte Verursachung durch die deutsche Teillegalisierung wird jedoch von EKOKAN als unwahrscheinlich eingestuft.
Ausblick und Forschungsperspektive
Der EKOKAN-Forschungsverbund wird die Auswirkungen der Teillegalisierung weiter beobachten. Der abschließende Bericht ist für April 2028 geplant und soll umfassendere Erkenntnisse über den Schwarzmarkt, das Konsumverhalten und mögliche Anpassungen im Strafrecht liefern.
Langfristige Studien sind notwendig, um die vollständigen sozialen, wirtschaftlichen und kriminalpolitischen Konsequenzen der Teillegalisierung zu verstehen und evidenzbasierte Gesetzesentscheidungen zu ermöglichen.
Fazit
Die bisherigen Ergebnisse des EKOKAN-Konsortiums deuten darauf hin, dass die Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland den Schwarzmarkt bereits in den ersten beiden Jahren nach Inkrafttreten merklich zurückdrängt – insbesondere durch einen Rückgang illegaler Anbauflächen um 15 % und durch den legalen Vertrieb von Medizinalcannabis. Gleichzeitig ist der Konsum bei Erwachsenen nur moderat um 2 % gestiegen, sodass die befürchtete massive Zunahme des Konsums bislang nicht eintritt.
Die Kritik des Innenministers an der Methodik der Evaluation wird von EKOKAN durch die umfangreiche Einbindung von Sicherheitsbehörden und die Befragung von über 2.000 Polizistinnen und Polizisten widerlegt. Dennoch bleibt die Interpretation von Daten aus Sicherheitsbehörden ein potenzieller Bias, der in zukünftigen Analysen berücksichtigt werden muss.
Die hohen Sicherstellungszahlen des Zolls im Jahr 2025 zeigen, dass der Schwarzmarkt trotz positiver Trends noch nicht vollständig zurückgedrängt ist. Weitere Forschung bis 2028 wird Aufschluss darüber geben, wie sich diese Dynamiken langfristig entwickeln.











