Die juristische Praxis steht an einem Wendepunkt: Künstliche Intelligenz (KI) verändert Arbeitsabläufe, Entscheidungsprozesse und die Beziehung zu Mandanten grundlegend. Um diesen Wandel proaktiv zu gestalten, hat die Kanzlei Schönherr die Initiative „Evolve“ ins Leben gerufen und arbeitet dabei eng mit dem Technologiepartner Legora zusammen. Im Gespräch mit JUVE erläutert Andrei Salajan, Director Legal Tech & Innovation bei Schönherr, wie die Initiative aufgebaut ist, welchen Nutzen sie für Kanzlei, Mandanten und Nachwuchsjurist:innen bietet und wie sie sich in einen wachsenden Branchentrend zu strukturierten KI-Weiterbildungen einordnet.
Warum KI die juristische Arbeit grundlegend verändert
- Effizienzsteigerung: KI-gestützte Analysen verkürzen die Bearbeitungszeit von Verträgen und Rechtsrecherchen.
- Regulatorische Compliance: Der AI Act und weitere Vorgaben verlangen transparente Governance-Strukturen.
- Wettbewerbsvorteil: Kanzleien, die KI gezielt einsetzen, können Mandanten schneller und kostengünstiger bedienen.
Aufbau der Evolve-Initiative
Salajan erklärt, dass Evolve in zwei zentrale Bereiche gegliedert ist. Der erste Teil fokussiert auf Leadership und Mindset – also die kulturelle und strategische Vorbereitung von Jurist:innen auf den KI-Einsatz. Der zweite Teil behandelt die Technologie selbst und präsentiert konkrete Anwendungsfälle, die intern demonstriert und von den Kolleg:innen unmittelbar umgesetzt werden können.
Leadership & Mindset – Grundlagen
- Verständnis der KI-Grundlagen und ihrer Grenzen.
- Entwicklung einer innovationsfreundlichen Haltung.
- Aufbau von Governance-Modellen zur Einhaltung des AI Acts.
Technologie & Anwendungsfälle – Praxisnah
- Demonstration von KI-Tools für Vertragsprüfung und Klausur-Lösungen.
- Fallstudien zu interner Erfolgsmessung und Präsentation.
- Hands-on-Sessions, in denen Jurist:innen die Technologie selbst testen.
Evolve im Kontext des Branchen-Trends
Die Initiative ist kein Einzelprojekt, sondern Teil eines breiteren Trends zu strukturierten KI-Weiterbildungen. Neben Evolve bieten weitere Akteure vergleichbare Programme:
- Der Legal Tech Verband kooperiert mit der Bucerius Law School für einen 5-Stunden-Onlinekurs (2025) in drei Modulen: Grundlagen neuronaler Netze, zukünftige Arbeitsveränderungen und praktische Kanzleianwendungen.
- Schönherr ergänzt das Angebot mit der Tech&Law Academy, die von November 2025 bis Januar 2026 Events zu KI-Governance, ethischen Fragen und dem AI Act veranstaltet.
Diese Programme verdeutlichen, dass KI-Kompetenz zunehmend als Pflichtmodul in der juristischen Weiterbildung verankert wird.
KI als Karrierebooster für Nachwuchsjurist:innen
Große Kanzleien wie Hengeler Mueller und Herbert Smith Freehills priorisieren bereits KI-Kenntnisse bei der Einstellung. Laut einer azur-Umfrage (2025) werden neue Jurist:innen monatlich im KI-Umfeld onboarded. Tech-affine Nachwuchskräfte übernehmen früh Verantwortung in Mandaten, weil KI-Tools die Bearbeitungszeit erheblich reduzieren. Studien zeigen, dass Modelle wie GPT-4 Verträge und Klausuren in einem Bruchteil der Zeit bearbeiten – vergleichbar mit Einsteigern, jedoch schneller.
- Monatliches Onboarding bei Hengeler Mueller (2025).
- Bevorzugung tech-affiner Bewerber bei Top-Kanzleien.
- Direkter Zugang zu KI-gestützten Projekten stärkt das berufliche Profil.
Nutzen für Kanzlei und Mandanten
- Steigerung der Mandatsbearbeitungsgeschwindigkeit durch automatisierte Dokumentenanalyse.
- Erhöhte Genauigkeit bei der Risikobewertung dank KI-gestützter Datenmodelle.
- Verbesserte Compliance durch integrierte AI-Act-Checklisten.
- Wettbewerbsvorteil durch demonstrierbare Innovationskraft gegenüber Mandanten.
Kritische Punkte und regulatorische Risiken
Obwohl KI zahlreiche Vorteile bietet, bleiben klassische juristische Fähigkeiten unverzichtbar:
- Analytisches Denken und juristische Methodik sind nötig, um KI-Ergebnisse zu prüfen und Fehler zu erkennen.
- Die Genauigkeit von KI-Modellen ist nicht garantiert; Fehlinterpretationen können zu Haftungsrisiken führen.
- Der AI Act verlangt klare Governance-Strukturen; ohne diese drohen Sanktionen und Reputationsverlust.
Häufig gestellte Fragen zu Evolve
- Was sind die Module von Evolve genau? – Zwei Bereiche: Leadership & Mindset sowie Technologie mit Anwendungsfällen zur internen Erfolgspräsentation.
- Bringt KI-Kenntnis Karrierevorteile? – Ja, Kanzleien wie Hengeler Mueller schulen Neueinsteiger monatlich; tech-affine Jurist:innen übernehmen früh tragende Rollen.
- Gibt es vergleichbare Schulungen? – Ja, z. B. der 5-Stunden-Onlinekurs des Legal Tech-Verbands mit der Bucerius Law School zu Grundlagen, Marktveränderungen und Praxis.
Fazit
Die Initiative Evolve positioniert Schönherr als Vorreiter im Bereich juristischer KI-Weiterbildung. Durch die klare Trennung von Leadership/Mindset und Technologie-Anwendungsfällen schafft das Programm sowohl strategische Klarheit als auch praktische Handlungsfähigkeit. Eingebettet in einen wachsenden Branchentrend, der modulare Online-Kurse und spezialisierte Academy-Events umfasst, stärkt Evolve nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Kanzlei, sondern eröffnet Nachwuchsjurist:innen konkrete Karrierechancen. Gleichzeitig mahnt die Initiative zu einem kritischen Umgang mit KI, um ethische und regulatorische Fallstricke zu vermeiden – ein ausgewogenes Modell, das sowohl Kanzlei als auch Mandanten nachhaltig profitieren lässt.


